Der Verein - Integration

Integration …
… umschreibt einen wichtigen und für unsere Gesellschaft überlebenswichtigen Sachverhalt. Im Unterschied zu einer sich in verschiedene Teilbereiche differenzierenden Gesellschaft, die die Ghettobildung begünstigt, meint Integration immer das Zusammenleben von Menschen verschiedenen Geschlechts, verschiedener Altersstufen, Völker, Religionen und Rassen, aber auch unterschiedlicher sozialer Schichten und von behinderten und Nichtbehinderten Menschen.

Nach wie vor ist es eine Tatsache, dass in unserer Gesellschaft die Behinderten als eine Minorität in der Welt von Nichtbehinderten leben. Diese Welt ist vornehmlich von Werten und Normen der Nichtbehinderten bestimmt.

Daraus ergibt sich für die Behinderten eine Diskrepanz zwischen Sein und Sollen, weil sie in der Regel den Rollenerwartungen der Gesellschaft in wesentlichen Bereichen nicht entsprechen können.

Das Stigma des Behindert-Seins, das den Behinderten als einen nicht vollwertigen Menschen ausweist, dem aus Mitleid geholfen werden muss, um das eigene Gewissen zu beruhigen, beruht auf Maßstäben, die den Selbstwert des menschlichen Lebens zu wenig oder überhaupt nicht gelten lassen.
 

So stellt sich folgende Frage: Wie kann dieser unbefriedigende Zustand überwunden werden?

In Familie, Kindergarten und Schule muss alles getan werden, um das Zusammenleben und gemeinsame Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten zu fördern.

Diese humane Annahme bedeutet, dass die Abweichung des Behinderten von gesellschaftlichen Erwartungen nicht als Minderwertigkeit, sondern als individuelle Eigenart angesehen wird.

Daraus folgt: Integration ist als das Zusammenleben und -lernen von Behinderten und Nichtbehinderten Kindern in einer Gruppe bzw. in einer Klasse zu verstehen.

Das gilt in gleicher Weise für den Kindergarten und den Hort. Dieser Weg des gemeinsamen Lebens ist kein Nebeneinander, sondern ein Miteinander.

Im Zentrum dieses Zusammenlebens steht die Akzeptanz des anderen und der Abbau von sozialer Distanz.

Gleichzeitig erfahren die Kinder, dass es verschiedene Lebensumstände gibt, mit denen der eine besser zurechtkommt als der andere. Gemeinsam gestaltete Freizeit und gemeinsam erlebte Gruppenstunden beim Lernen, Spielen, Singen, Malen oder Werken sollen die Zusammengehörigkeit und die gegenseitige Verantwortlichkeit stärken und die Kinder ermutigen, die eigenen Schwächen und Grenzen sowie die Schwächen und Grenzen der anderen zu erfahren. Kein Mensch vermag alles, sondern jeder hat besondere Fähigkeiten und Bereiche, wo er mehr kann als die anderen.
 
Integration bedeutet für das behinderte Kind, die eigene Behinderung und die Hilfe von anderen anzunehmen, aber auch, den anderen im Rahmen seiner Möglichkeiten Hilfe zu leisten. Die erforderliche therapeutische Einzelhilfe für das einzelne Kind darf nicht vernachlässigt werden. Sie umfasst alle Aktivitäten, die nicht in der Gruppenarbeit geleistet werden können.
Beim Nichtbehinderten Kind geht es nicht nur um die Bereitschaft zur Hilfe für die Behinderten Kinder, sondern auch um die Erfahrung, mit Behinderten umzugehen und die Kommunikations- und Kontaktbarrieren zu überwinden, die der Mensch immer wieder bei sich bemerkt, wenn er Andersartigen begegnet.
Integration kann aber nur gelingen, wenn auch die individuellen Möglichkeiten und Interessen aller zusammenlebenden und -arbeitenden Kinder berücksichtigt werden können.
 
Wie heute in- und ausländische Erfahrungen mit integrativen Einrichtungen zeigen, gibt es verschiedene Wege, Integration zu verwirklichen. So wurden u. a. folgende Erfahrungen gemacht:
  • behinderte und Nichtbehinderte Kinder regen sich gegenseitig an und schaffen eine positive Lernatmosphäre. Die gegenseitige Hilfe und das Verständnis verhelfen den Kindern zu wichtigsten sozialen Erfahrungen und damit zu sozialer Kompetenz;
  • Lehrer interessieren sich intensiver für pädagogische und didaktisch-methodische Fragestellungen;
  • die Eltern von behinderten Kindern werden durch die Ausweitung der Verantwortung entlastet;
  • die alleinige Ausrichtung an einer intellektualistischen Erziehung und am Leistungsprinzip werden zunehmend in Frage gestellt;
  • für die Kinder bietet sich eine anregende und herausfordernde Begegnung.
 
Hinderungsgründe für Integration dürfen weder die Schulstruktur noch die Bequemlichkeit und Ängstlichkeit der Lehrer sein, auch nicht Prestigeeinstellungen oder gar "eingefahrene" Organisationsmuster für Unterricht und Schule. Vielmehr muss für die Pädagogik und die Politik in einer modernen Gesellschaft gelten:
So viel Integration, als unter den gegebenen Umständen möglich ist und nur so viel Ausgliederung in Sondereinrichtungen, wie unbedingt notwendig.

Integration ist ein vielschichtiges Aufgabenfeld, in dem insbesondere das Engagement der Pädagogen und Politiker gefragt ist. Integration bleibt eine pädagogische Forderung und Aufgabe von außerordentlicher Bedeutung und ist keine Sozialutopie.

In einer Gesellschaft, in der das Leistungsprinzip den obersten Wert einnimmt, hat man immer nur einen Teil der Gesellschaft im Auge.

Um was es aber gehen muss, wird in folgendem Zitat deutlich. Georg Moser, der verstorbene Bischof der Diözese von Rottenburg-Stuttgart, hat 1975 indirekt zur Integration Stellung genommen. Seine Auffassung war und ist auch Orientierung für die Bemühungen des Förderkreises:
 
"Wo das Leistungsprinzip das einzig Ausschlaggebende ist, da liegt es nahe, nur jene gelten zu lassen, die über eine ausgereifte und unverbrauchte Arbeitskraft verfügen.

Was aber hätten dann noch die Kinder, die Alten, die Kranken, die Behinderten in unserer Gesellschaft zu suchen?

Maßstab sollte nicht die Leistung an sich sein, sondern die Leistung nach Vermögen. Auch der unverschuldet begrenzten Leistung gebührt volle Anerkennung."